Arena der Aerzte

Rom im zweiten Jahrhundert

Schlagzeilen über das Neueste vom Tag:

Ärztin von Fluchtafel bedroht

Prominenter Redner der Magie angeklagt

Wunderheiler am Schwarzen Meer

Rennfahrer in der Murcia-Kurve zu Tode gestürzt

Neueste Frechheiten des Lukianos von Samosata

Galenos – neuer Stern am Ärztehimmel?

Susanne Cho
Arena der Ärzte
Historischer Roman
Wer hört nicht lieber den letzten Tratsch über die bevorstehende kaiserliche Hochzeit, über Skandale aus der Welt der Prominenten, spricht nicht lieber über die Sportresultate, die Rennwetten, den Hofklatsch als über den Krieg an der Partherfront, über Hochwasserkatastrophen, Seuchen und Krankheiten. Für die Ärztin Charis aber endet das unbeschwerte Leben abrupt. Der Fund einer im Garten vergrabenen Fluchtafel verändert ihr ganzes Leben. Jemand will ihr schaden. Sie flieht aus Rom, bereist Karthago und die Tripolis, Pergamon und Ephesos und gelangt bis ans Schwarze Meer. Doch der Fluch verfolgt sie. Leser, die im Roman »Im Bauch des Imperiums« die Geschehnisse um Kamkam mitverfolgt haben, können sich freuen, von ihrer Enkelin Charis Neues über den Lauf des Familienschicksals zu erfahren.  
 
 

Reihe: skepsis & leidenschaft / Band 5
mit Glossar, Zeittafel, 5 Karten, 3 Stammbäume

© Skepsis Verlag, Zürich 2011
384 Seiten. Softcover, Format 12 x 19 cm, 409 g
Europa: 13 EUR / Schweiz: 14 CHF
ISBN 978-3-9521140-6-3

 

Susanne Cho, 1952 in Zürich geboren, besuchte das altsprachliche Gymnasium, studierte Kunstgeschichte und Psychologie und promovierte an der Universität Zürich. Fachausbildung in Psychotherapie. Sie arbeitet heute als Psychotherapeutin in Zürich. Ihre intensive Beschäftigung mit Archäologie und antiker Geschichte führte sie auf zahlreiche Reisen in die Gebiete der ehemals römischen Provinzen, unter anderem nach Nordafrika, Syrien und Jordanien, und häufig nach Rom.

susanne cho
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Kapitel 3
Mandragora

Ein herrlicher Tag. Duftschwaden von Lavendel drangen vom Kräutergarten durch das offene Fenster und machten deutlich, dass der Sommer Einzug gehalten hatte, ohne auf Audu zu warten. Seine Ankunft verzögerte sich aus Gründen, die mir nicht bekannt waren. Nichts Ungewöhnliches, Planung war noch nie seine Stärke. Ich saß mit Kynthia und Dana in der Apotheke und lehrte sie die Zubereitung verschiedener schmerzstillender Mittel. Kynthia machte sich an einem Stapel Weidenrinde zu schaffen, die sie flink in eine Schale raspelte. Wie froh war sie, dass es endlich um den praktischen Teil der Sache ging, die eigentliche Herstellung der Medikamente. Die verschiedenen Substanzen kannte sie zwar nach ihrem Aussehen und Geruch, konnte sich aber die tausend Namen nur schwer merken. Sie ist langsamer und bedächtiger als Dana, auch einige Jahre älter, doch unschlagbar, wenn Ausdauer und praktische Geschicklichkeit gefordert sind. Dana mühte sich damit ab, den eingedickten schwärzlichen Saft des Schlafmohns zu Kügelchen zu formen, die anschließend zum Trocknen ausgelegt werden sollten. Mit dem Ärmel ihrer Tunika strich sie sich eine Strähne ihres blonden Haares aus dem Gesicht. Eine richtige keltische Schönheit, dachte ich, als sie sich vorbeugte und ihr Haar im Sonnenlicht aufleuchtete wie pures Gold. Dana hob seufzend die rechte Hand und zeigte ihre verklebten Finger.

»Zum Glück muss ich die Mohnkapseln nicht auch noch selbst melken, der Ertrag wäre erbärmlich. Alles bleibt an mir kleben.«

Kynthias Gesicht überzog sich mit einem Netz von Lachfältchen.

»Das ist der Tribut dafür, dass du so anziehend bist …«

Ein gellender Schrei zerriss die Luft, gefolgt vom Klirren des zerspringenden Opiumkruges, der aus meinen Händen geglitten war.

»Das ist Sinope«, rief ich, und rannte in den Hof. Ich fand sie im Kräutergarten. Hacke und Schaufel lagen am Boden. Erstarrt fixierte sie einen Gegenstand, der neben dem frisch ausgehobenen Pflanzloch auf der Erde lag. Ich bückte mich und griff nach dem merkwürdigen Fund.

»Nicht berühren«, schrie sie, sodass ich vor Schreck das Ding wieder fallen ließ. Inzwischen waren Kynthia und Dana herbeigeeilt und kümmerten sich um Sinope, die nun laut klagend ihr Haar raufte.

Bevor ich meinen Arm erneut ausstrecken konnte, hob eine Männerhand das furchterregende Objekt aus dem Erdloch.

»Kleitos«, stieß ich aus, »was ist das?«

»Eine Fluchtafel«, sagte er und rieb die Erde von dem Stück Blei. Er löste einige Nägel, die durch das Bleipaket getrieben waren, faltete das Metall auseinander und versuchte, die Inschrift zu entziffern. Vergeblich. Griechische Buchstaben, soweit klar, aber ohne jeden Sinn. Wir zogen uns in die Küche zurück, wo ich eine Schüssel mit Wasser füllte. Nach gründlicher Reinigung erkannten wir, dass die Schrift rückwärts zu lesen war.

»Ich binde Charis, die Ärztin«, stand auf der Vorderseite der Bleilamellen. Mir war schwindlig, ich musste mich setzen. Myrrhine, die sich zu uns gesellt hatte, holte mir einen Becher Wasser.

Fremd und hohl klang Kleitos' Stimme, die langsam und stockend den Text auf der Innenseite vorlas:

Ich binde Charis, die Ärztin
Götter der Unterwelt, Dreiköpfige Hekate, Persephone
Ich beschwöre euch
Hermes trismegistos, Bote zwischen den Welten
Ich rufe dich an
Bindet die Hände der Ärztin Charis
Auf dass sie kein Kind mehr zur Welt bringen kann
Die Frucht jeder Gebärenden soll verdorren
Wenn die Ärztin Charis der Geburt vorsteht
Bindet Verstand und Gedächtnis der Ärztin Charis
Auf dass sie keinem Kranken mehr Rat weiß
Bindet die Zunge der Ärztin Charis
Auf dass sie niemandem mehr schaden kann
Diesen Fluch entbinde und löse ich erst
Wenn die Ärztin Charis Rom verlassen haben wird.

Schadenzauber! Eigentlich hielt ich nichts von solchen Praktiken. Nun aber, da ich den Beweis in Händen hielt, dass es jemanden gab, der mir schaden wollte, der mich mit Magie bedrohte, war ich doch weit mehr beeindruckt, als ich mir je hätte vorstellen können.

»Du hast Feinde«, sagte Kleitos beherrscht.

»Hast du einen Verdacht, wer es sein könnte?« Myrrhine klang beunruhigt.

Ich schüttelte den Kopf.

»Eine eifersüchtige Frau«, mutmaßte Myrrhine.

»Worauf sollte sie schon eifersüchtig sein?«, entfuhr es mir. »Wenn Nikanor noch lebte, dann vielleicht, aber jetzt …«

»Wir wissen ja nicht, wie lange das Ding schon im Garten liegt. Vielleicht wurde es vor Nikanors Unfall …«

Myrrhine schwieg abrupt.

»Du willst doch nicht etwa sagen, dass Nikanors Unfall mit der Fluchtafel in Verbindung steht?«

»Natürlich nicht«, beschwichtigte Kleitos, »Myrrhine gab nur zu bedenken, dass das Blei vielleicht schon vor Nikanors Tod vergraben wurde.«

»Und dass damit durchaus eine eifersüchtige Frau in Frage käme.«

»Hat er deinetwegen eine frühere Geliebte verlassen?«, fragte Kleitos vorsichtig.

»Eine?«, platzte Dana heraus, die sich unbemerkt in die Küche geschlichen hatte. »Bei einem berühmten Rennfahrer wie Nikanor muss man von einem ganzen Schwarm enttäuschter Geliebter ausgehen. Ein Schwarm von Bienen, die um ihren Nektar geprellt wurden.«

Sie erntete einen tadelnden Blick von Kleitos, der zum einen ihrer taktlosen Bemerkung galt, zum anderen ihrer unbändigen Wissbegier, die sie nicht nur beim Lernen, sondern mit Vorliebe auch bei Klatschgeschichten an den Tag legte.

»Sinope geht es besser«, sagte sie rechtfertigend. »Wir haben ihr zur Beruhigung einen Weintrunk gekocht. Kynthia kümmert sich um sie.«

»Dann schau jetzt nach meiner Patientin, die sicher schon auf mich wartet«, gebot Kleitos ohne Rücksicht auf Danas Neugier, »und richte ihr aus, dass ich mich verspäte. Du kannst auch schon die Instrumente für die Untersuchung bereitlegen; was es braucht, solltest du inzwischen wissen.«

Mit einem Blick des Bedauerns zog Dana ab, wagte es aber nicht, laut zu murren.

Kleitos schloss die Tür, öffnete sie dann noch einmal abrupt, um sich zu vergewissern, dass Dana nicht zum Horchen auf der Lauer lag.

»Charis, ich fürchte, die Sache ist ernster, als du denkst. Über eine eifersüchtige Frau müssten wir uns nicht groß Gedanken machen. Aber Eifersucht kommt nicht nur in Liebesdingen und nicht nur bei Frauen vor. Was, wenn die Bedrohung ihren Ursprung in Ärztekreisen hat?«

»Ja«, stimmte Myrrhine zu, »du bist immerhin sehr erfolgreich, wirst in vornehme Häuser gerufen. Dass man vor kurzem im kaiserlichen Palast nach dir verlangte, erregt Aufmerksamkeit und Neid.«

Unvermittelt wandte sie sich an Kleitos: »Glaubst du, dass Charis' Leben gefährdet ist?«

»Das glaube ich kaum«, meinte Kleitos. »So weit würden sie nicht gehen. Der Ruf aller steht auf dem Spiel, wenn in der Ärztearena Blut fließt. Doch habe ich bei der letzen medizinischen Vorführung bemerkt, dass nicht alle Kollegen Charis' Abwesenheit bedauern.«

»Man will mich also einschüchtern«, sagte ich und spürte, wie die Wut allmählich die Angst in die Flucht schlug. »Nicht mit mir! Die nächste Gelegenheit, öffentlich aufzutreten, übernehme ich wieder persönlich.«

Myrrhine und Kleitos wechselten Blicke. Öl ins Feuer meiner Wut.

»Unterschätze sie nicht. Sie können auch Schaden anrichten, ohne dir physisch etwas anzutun.«

»Rufmord zum Beispiel«, sagte Myrrhine.

»Zweideutige Bemerkungen, wenn eine deiner Patientinnen stirbt, was ja bei Geburten häufig genug vorkommt.«

»Herabsetzende Zwischenbemerkungen bei öffentlichen Vorträgen, Gerüchte über Misserfolge …«

»Es reicht!«, rief ich, »man könnte meinen, ihr wolltet mich aus der Stadt ekeln.«

Ich ergriff das verfluchte Bleiding und entfernte mich wutentbrannt aus der Küche.

»Kommt nicht in Frage«, sagte ich laut vor mich hin, »mich schüchtert man so leicht nicht ein.«

Zu meinem großen Verdruss schlief ich in jener Nacht sehr schlecht. Wie ich es auch drehte und wendete, es gab keinen anderen Grund für die Schlaflosigkeit als die Angst, die sich Stunde für Stunde mehr aufblähte und die Wut in sich zusammensacken ließ.